Gutenberg, Vollidiot? 
Oder: Warum wir das Internet oft nicht verstehen

Solinger Digitalisierungsbemühungen scheinen vor Gummiwände zu laufen

Um was es geht: Die Stadt Solingen – nicht zuletzt energisch vorangetrieben durch OB Tim Kurzbach – will die Möglichkeiten der Digitalisierung fördern. Es besteht keinen Zweifel daran, dass dies ein ehrliches Bemühen ist. Die Resonanz bei denen, die davon profitieren sollten oder könnten, ist überdurchschnittlich gering. 

Erschreckend ist, wie wenig Grundkenntnisse über die Funktionen der Digitalwirtschaft (E-Commerce eingeschlossen) in Solingen vorhanden sind – misst man es am nervenaufreibenden Geschwurbel bei dieser Veranstaltung (die sich dann auch zuschauermäßig frustvoll ausdünnte). Oder, diesen Verdacht werde ich partout nicht los, diejenigen, die als Klingenstädter digital gut unterwegs sind, begeben sich erst gar nicht (mehr) in solche Niederungen der Nutzulosigkeit. Eine Nutzlosigkeit, die nicht den Initiatoren als Schuld anzuschreiben wäre. Viel schlimmer: Die Stimmung hätte eigentlich irgendwie Marke „Goldgräber“ sein sollen. Sie war aber Marke „Totengräber“. Wobei, wieder einmal 99,99 % der Zielgruppe erst gar nicht erschienen ist.  


Da müsste vielleicht erst einmal geklärt werden, was Gutenberg mit dem Internet zu tun hat. Als Gutenberg seine Idee der beweglichen Lettern austüftelte (nein, das Drucken hat er nicht erfunden, sondern das Setzen), konnten in seinem Wirtschaftsraum nur ein paar sehr wenige Prozent der Menschen lesen. Es war also eigentlich totaler Blödsinn, Setzen zu erfinden. Keiner fragte danach. So wie beim Internet: Wer hat das als "Normalmensch" schon erwartet, verlangt, gefordert ... ???

 

Das Schriftprivileg lag noch nicht mal bei den weltlichen Höfen, sondern bei der Kirche. Weswegen sie immense materielle Vorteile hat – auch beim Ausstellen von Besitzurkunden („Wer schreibt, der bleibt“). Und die Meinungsdeutungshoheit hatte sie dank päpstlicher Zensur (Imprimatur, „es werde gedruckt“) sowieso. Und dann dieser Gutenberg: Plötzlich konnte theoretisch jeder veröffentlichen. Was damit begann, war nicht weniger als ein neues Kultur-, Geschichts-, Lebens- und Wirtschafts-, Politikzeitalter sowieso. Protestantismus, Renaissance, Aufklärung, und in Folge von diesem und mehr Wissenschaft, Forschung, Technisierung, – bis hin zu globalem Handel. Ohne Drucksachen (das könnte man hier mit endlosen Beweisen untermauern) wäre dies alles nicht möglich gewesen. 

 

Und nun ist das Internet da. Und damit das globale „digitale Publizieren“. Plus vernetztes Organisieren, Handeln, Produzieren.
Und wieder, ziemlich genau 500 Jahre nach Gutenberg, wird ein neues Zeitalter eingeläutet. 

 

Gutenberg wurde nicht verstanden, er selbst machte Konkurs. 99,9 Prozent der damaligen Menschheit wird es nicht die Bohne interessiert haben, was Gutenberg machte, sie haben es weder verstanden noch genutzt. 

Und nun das Internet. 99 – nein, „nur“ 97 Prozent der jetzt tätigen Einzel- und Großhändler, produzierenden und dienstleistenden Firmen verstehen, nutzen es nicht. Der Rest verändert derzeit gerade die ganze zahlungsfähige Welt. So wie die wenigen, die damals den Buchdruck nutzten, eine andere Welt schufen.

 

Eine gewaltige historische Dimension. Aber sie ist wahr. Und abermals beweisbar. Dazu genügen  übrigens zwei Worte. Google. Amazon. – Und jeder weiß, die Welt von heute ist nicht die von gestern, die Welt von morgen wird nicht die sein, die sich die meisten Menschen zu erhalten wünschen. 

 

Und in diese eigentlich „Goldene Zeit“ hinein muss Oberbürgermeister Tim Kurzbach sich hergeben und wie ein Rufer in der Wüste zu scheinbar Blinden und Lahmen reden. Ehrenwert, aber verdammt peinlich auch. Nicht für Kurzbach, nein nein. Sondern für die, die zuhause geblieben sind, weil sie (vielleicht, wahrscheinlich sogar) wieder einmal besser wussten.  „Wat soll dat? Dat is nix für mech, dat bruk ich nit."

 

Eigentlich hatten sie sogar recht. Denn das, was bei der Veranstaltung von so ernannten Experten vorgeschlagen und vorgestellt, konkreten Strategiebeispielen ausweichend unnützer Weise vorgetragen wurde, war das so ziemlich falscheste, was man über das Internet sagen kann. 

 

 

Online und offline (will sagen: Stationärer) Handel zusammen, kombiniert, parallel.
So ein Blödsinn aber auch!
So ein falscher Gedanke!

 

 

Da diskutierten doch wirklich stundenlang die Männer (hey, wieso war keine Frau dabei, Internet ist doch eine smarte, intelligente Technologie !!! ??? !!!) doch tatsächlich, ob es schon Online-Handel wäre, wenn der Eierhändler seine Legehennen im Bild vorstellt. Das darf doch nicht wahr sein!


Gut ist immer ein Blick über den Tellerrand.

 

Nehmen wir an, ein Lokal hätte zwei, drei Michelin-Sterne. Und das seit Jahrzehnten. Kommt der Wirt auf die Idee, seine Ware am Holzhütten-Anbau der gediegenen Gourmet-Villa als Fastfood zu verkaufen. Gute Idee? Ja, für einen Heiterkeitsmoment und einen Verlustvortrag in der Bilanz schon. 

 

Kommt der Currybudenbesitzer auf die Idee, im angemieteten Haus nebenan ein Lokal einzurichten, wo „Pommes Schranke“ (kennt das eigentlich noch jemand) mit Blattgold verziert 40 Euro der Miniteller kosten. Gute Idee?

 

In Deutschland gibt es ca. 300 (Michelin-)Sternerestaurants. Das haben jenme gute Küche, von der alle immer so schwärmen. Und kein stationärer Einzelhändler vor Ort soll leugnen, sich für solch einen Besonderen unter den Besseren zu halten. Wieviel Umsatz mögen insgesamt diese Stars am Herd machen? Rechnen wir es großzügig, sagen wir 300 Millionen Euro jährlich (es ist weniger!). 

 

Die größten Restaurants (Skychefs und McDonalds Deutschlands) machen  jeder das 10fache davon, weit über 3 Mrd. Euro jährlich. Allein Ikea macht mit den an den Möbelhäusern angeschlossenen Restaurants jährlich eine Viertelmilliarde Euro Umsatz, ungefähr so viel wie alle Sternrestaurants zusammen!

 

Nun werden viele sagen, diese Fast-Food- und Systemgastronomie könne man nicht mit den Edelküchen und ihren individuell gekochten Gericht pro Teller vergleichen. Richtig. Und ebensowenig kann man Onlinehandel mit stationärem Einzelhandel vergleichen oder gar verbinden wollen. Es ist schlichtweg Blödsinn. 

 

Systemgastronomie braucht völlig andere Komponenten wie ein „normales Restaurant“: Beschaffung, Speiseplan, Equipment, Logistik, und und und. Also: Online-Handel, E-Commerce braucht ganz andere Organisationsformen und vor allem Dimensionen als stationärer Einzelhandel. 

„Going digital“, E-Commerce, Online-Handel, Webshops sind  nicht das Basteln einer  Homepage. Sondern eine völlig anderen Gesetzen unterworfene bzw. dienende Unternehmer-/Unternehmens-Strategie als lokale, stationärer, face-to-face-Handel (also die klassischen Einzelhandels-Geschäfte). 

Der immer noch richtungsweisende Rat aus  den Anfangstagen des Internets heißt:
„Re-Invent Your Business on the Web“.
 Erfinde das, womit Du Geld verdienen willst, auf der Basis und mit den Möglichkeiten des Internets neu. NEU !!!! N_E_U
Und NICHT: transferiere Dein konservatives Handeln in eine Homepage oder etwa nur einen Liefer-/Bring-Service.


„Kann“ überhaupt eine Stadt(verwaltung) Online / Digital / Netzbasiertes vorantreiben?

Nee, natürlich nicht. Und genau das sagt, konsequent, OB Kurzbach ständig. Was eine Stadtverwaltung (und ach wie schön wäre es, auch „die Politik“ täte es) kann, ist den Rahmen dafür schaffen, Voraussetzungen, Hilfen geben, Anregungen sowieso. Genau das geschieht. Genau so ist die Strategie der Stadt Solingen. 

Leider wendet sich auch die Stadt an die falschen Personen. Es ist nachvollziehbar, es ist anständig, es ist gut gemeint, die bisher Trägen und Nichtbegreifenden „zum Schießen tragen“ zu wollen, wie das Sprichwort sagt, oder „zum Glück zwingen“ zu wollen. Allein: Die (Unternehmen / Unternehmer), die heute noch nicht wissen, um was es bei den netzbasierten/Internet-Konditionen geht, haben zwanzig (in Worten zwanzig) Jahre satt gepennt. Sie haben schuldhaft und eigenverantwortlich ihre eigene Zukunft ignoriert. Sie waren zu mutlos, sich der Zeit anzupassen. Ihnen fehlte das Wissen, was auf sie zukommt. Oder sie waren ganz einfach nur zu faul. Letzteres wohl vor allem. 

Um so mehr ist der Langmut der Stadtverwaltung zu loben. Auch wenn sie die Veranstaltung machte, weil es dafür mit Sicherheit Zuschüsse gibt.

Aus eigenen (früheren) Werken / Artikeln:

Textpassage aus dem ...

(...)

Keinem einzigen Solinger Unternehmer oder Einzelhändler ist jemals verboten worden, auch einen Online-Handel zu starten. Tausende spezialisierte Geschäfte/Lieferanten haben im Online-Handel mehr als nur ein Zubrot gefunden, viele sind längst Online fest etabliert und verdienen dort ihr Geld. Jeder Solinger Unternehmer, jedes Solinger Unternehmen, hatte und hat das Recht, die Möglichkeit, die Chance, ins Internet-Geschäft einzusteigen. Wer’s nicht tut – selbst schuld. ABER BITTE: Mund halten, nicht jammern!

Vielfach habe ich schon in Solinger Geschäften wegen nicht vorhandener Artikel – Art, Ausprägung, Größe … wichtige Details – die hilflose, jämmerliche Antwort gehört „Nein, haben wir leider nicht da, können wir Ihnen aber bestellen“. Sorry, seh ich wirklich so doof aus, schaue ich so dämlich, als ob ich nicht selbst im Internet bestellen könnte???

Soll ich wirklich noch einmal in die Stadt fahren oder quer durch die halbe Stadt, nur um etwas abzuholen, was mir der Paketdienst ohne Mehrkosten direkt an die Haustüre liefert?

Natürlich kaufe auch ich im Einzelhandel. Im Urlaub. Wenn ich Zeit habe. Wenn ich guter Laune bin und irgendwo. Aber da kaufe ich nicht gezielt, sondern das, „was mich anlacht“.

Dutzende Male habe ich in Solingen das Experiment gemacht, mit einem gar nicht mal so kleinem Betrag in der Tasche durch die Stadt zu bummeln  und bereit, mich zum Kauf verführen lassen. Ein jedes Mal bin ich mit der kompletten Summe nach Hause gekommen. 

Bei Amazon oder einem der unzähligen Spezialitätenhändler, ja selbst inzwischen bei Aldi (Trend: hochwertig) kaufe ich grundsätzlich mehr, als ich eigentlich wollte.

Und diesem stationären Einzelhandel, der so sträflich die Consumer-Trends vernachlässigt, dem soll ich als Kunde noch jemals wieder trauen?

Und diesen sich auf Lorbeeren (sprich Vermögen und Ersparnis) ausruhenden Ingoranten läuft eine Stadtverwaltung hinterher? 

Ich habe die Befürchtung, bei aller Respekt, was da geschieht, es ist Perlen vor die Säue geworfen. 

Worauf sich, damit will ich schließen, die Stadt konzentrieren sollte, sind die jungen Wilden, Mutigen, Ideenreichen. Jung ist in diesem Sinne und Falle keine Frage des körperlichen Alters, sondern der geistigen Flexibilität.

(...)

Laudatio. für einen Publishing- und Internet-pionier.

Paul Brainard, US-Amerikaner, hat „Desktop Publishing“ erfunden; ein immens wichtiger Bauteil der späteren www-Aktivitäten des Internets. Dahinter steht nämlich die Architektur der Dokumenten-Speicherung, die  Grundlage fürs digitale Publizieren wurde (anfangs: XML, die extended Markup-Language, was zu deutsch sich nur holprig als erweitere Element-Kodierung übersetzen lässt). Darin eingebettet sind die http-Befehle, das Hypertext-Transfer-Protocol. Verdeutscht, sinngemäß [und nicht wörtlich]: systemunabhängige Informationsübertragung.

Paul Brainard ist 1994 mit der Gutenberg-Medaille ausgezeichnet worden, der weltweit höchsten Anerkennung in der grafischen Industrie. Der Laudator nannte Brainard „den Gutenberg der Jetztzeit“. Die Fachwelt sah das weltweit auch so und zollte der Entwicklung dieser gesamten Pioniergeneration der DTP- und Internet-Entrepreneure („[wage]mutige Unternehmer“) höchste Anerkennung und Lob. Denn ein neues Zeitalter war geboren, wie einst durch Gutenberg.

Ganz nebenbei, der erwähnte Laudator war ich. 


Vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht, einmal in die Anfangsjahre des Internets zurückzublicken, um es heute zu verstehen. 

Hier ein Script für ein Seminar / begleitend zu Vorträgen, vor 22 Jahren, nämlich 1996 erstellt (Achtung: Adresse incl. Homepage existieren nicht mehr). Was beweist, das man in Solingen den Trend in großen Teilen von Handel und Industrie willentlich ignoriert hat. Denn mit diesem Themen wurde ich seinerzeit, vor 2 Jahrzehnten, in Solingen und von Solingern mitleidig angeschaut, als hätte ich einen an der Klatsche. Dass ich es umgekehrt sah, möge man mir nachsehen und ggf. nunmehr nachvollziehen können. 

Download
ZUM PERSÖNLICHEN GEBRAUCH:
Seminar- und Vortragsunterlagen zu Marketing- und Sales-Strategien angesichts der neuen Möglichkeiten des Internets.
NBMARKET.PDF
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Beleidigt sein mag einem helfen. Aber nützen tut es nichts. Ganz im Gegenteil.

Nun bin ich mir ganz sicher, dass etliche in Solingen beleidigt und gekränkt sind, wenn ich wie oben behaupte, das Thema der Veranstaltung würde 20 Jahre hinter der Zeit herhinken. 

 

Deshalb mal hier ein paar Links, die erahnen lassen, wo die Welt heute, 2018, steht. Und dass das mit "online und offline Handel zusammen" nicht mehr das geringste zu tun hat. Die Themen, die akut sind, sind völlig andere. 

 

Und so könnte es sein, dass die, die erst gar nicht zu dieser Veranstaltung gekommen sind, wirklich die schlaueren waren. 


Und zum Schluss noch was ganz lustiges, bei dem man wieder einmal nur noch krampfartig weinen kann. In der Podiumsdiskussion und dem Referat wurde ein ums andere Mal behauptet, der persönliche Kontakt sei wertvoller und wichtiger als der übers Internet. Und just veröffentlicht die Stadt Solingen selbst diese Pressemitteilung (Originaltext), bei dem man mal wieder sieht, wie weit man kommt, wenn man sich auf Personen verlässt:

Beschwerdestelle nur online

07.05.2018 - 269/bw

Auf der Homepage der Stadt Solingen

Wegen Urlaubs und Krankheit bleibt die Beschwerdestelle der Stadt Solingen in dieser Woche geschlossen. Online kann man sein Anliegen jederzeit auf der Homepage der Stadt Solingen loswerden: auf der Startseite unter "oft gefragt", Mängel, Beschwerden, Lob, Kritik. Es wird so schnell wie möglich bearbeitet.

Anmerkung noch: Wer nicht bei Xing, Twitter, ggf. auch LinkedIn und ähnlichen Plattformen ist, der braucht auch nachfolgendes nicht zu lesen, ... und ob es noch Hufschmiede in Solingen gibt für die Fuhrwerke, weiß ich im Moment auch nicht so aus dem Kopf zu sagen. 

Man könnte buchstäblich Tausende Artikel linken. Es soll hier ja nur ein Beispiel sein für Themen, die derzeit international wie national jenseits der Stadtgrenzen diskutiert werden.