Industrie 4.0: Ein alter Hut. Seit 100 Jahren unverstanden.

Kommt davon, wenn man Kybernetik nicht erst nimmt.

Erstens:

Als Wort ein Hype, als Szenario eine scheinbare weltuntergangsgleiche Bedrohung. Ist jetzt das Ende des arbeitenden Menschen gekommen. Überrollen uns Computer? Sind es die neuen Medien, oder die Handys, oder das Internet und überhaupt – was ist denn Industrie 4.0?

 

Ein Begriff, der so sinnleer (um nicht zu sagen blödsinnig ist) wie manches, das aus modischen Gründen gerade mal hip ist. Die ständigen Upgrades der Software waren irgendwann mal Vorbild für eine Zählung weiterer epochaler Sprünge – wobei die Spanne einer Epoche von einst mindestens Jahrzehnte auf oft nur wenige Jahre geschrumpft ist. 

 

Industrie 4.0 hat auch einen anderen Namen, der könnte hilfreich sein, für die meisten verwirrt er jedoch noch mehr: Das Internet der Dinge. Gemeint ist etwas, was es heute schon längst gibt, jedoch von nicht analytisch denkenden Menschen nicht wahrgenommen wird: Auf der Basis einer Vernetzung (egal, wie diese digital-elektronisch und funktional-technisch aussieht) werden Informations- und Sensor-Impulse bzw. -Werte mittels Software (also festen Algorithmen, definierten Regeln) zu „Befehlen“ für Aktionen: „Roboter“ bewirken irgendetwas, sie „tun“, was sie laut Programm tun sollen. 

 

Jede Waschmaschine, die man kauft, ist Industrie 4.0 und Kybernetik, ein selbstregelndes System. Schon lange. Und jedes Flugzeug, dem man sich anvertraut, auch – oder der IC-Steuerkopf bei der Bahn. Ach ja, jedes seit 10 Jahren gekaufte „stinknormale“ Auto übrigens auch: Da greift kein Mensch mehr ein, um die Feinsteuerung der Antiblockierbremsen vorzunehmen, das geht im Hundertstelsekunden-Takt vollautomatisch. 

 

 

Nur: derzeit muss man den Fuss auf einen Hebel setzen, um die Bremse auszulösen. Industrie 4.0 schlägt vor, dass dies ein Sensor oder viele davon machen. Das selbstfahrende Auto eben. Was es übrigens auch schon ziemlich lange gibt: als Transportwagen bei Güterumschlagplätzen (z. B. Containerhäfen) und in Regallagern und dergleichen. In jeder modernen Apotheke auch, wo schwuppdiwupp das Medikament durch ein Rohr herangerauscht kommt. 

Zweitens:

Hinter allem steht die Idee und der Begriff der Kybernetik – der „Herrschaft des Steuerns“. Auf gut deutsch: Wer hat das Sagen, um einen Befehl auszulösen. Vor allem aber, Kybernetik ist nichts Technisches; die intellektuellen Diskussionen der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts haben den Begriff deshalb mit großem Enthusiasmus durchdekliniert – aber wer denkt und diskutiert heute noch intellektuell? Erst 40 Jahre her – und schon wieder vergessen. Damals, es klingt makaber, war man geistig viel weiter mit Industrie 4.0 als man es heute ist. 

 

 

Kybernetik gilt auch für Vogelschwärme und Volkswirtschaften, für Mode und Kriege, für jeden Garten, Wald, Wiese oder sonstige Biotop; für Regierungen und Parteien, Religionen und andere gesellschaftliche Strömungen. Wer hat das sagen? Wer sagt dem Fisch- oder Vogelschwarm, ob rechts- oder linksrum? Keiner! Der Schwarm steuert sich selbst. Und, ach nee, ach ja, siehe da: Derzeit fabulieren selbsternannte neunmalkluge Unternehmensberater-Gurus über Schwarm-Intelligenz von Unternehmungen. So’n Stuss aber auch, weil jedes Gebilde von mehr als einem Ding war schon immer Schwarm – ein Pingpongspiel der Anstöße zu Aktivitäten. Kann ja sein, dass in einem Biotop (im Garten, im Wald) sich die eine Pflanze(nart) gegenüber anderen durchsetzt – doch ohne deren Anwesenheit oder Vergehen, ohne unglaublich komplexe chemische Regelkreise wäre die dominante niemals eine solche geworden. Das gilt auch für Regierungen und jedes wirtschaftliche Unternehmen, jede Organisation: Aufstieg ist immer nur auf den Schultern anderer möglich. 


Nur hat sich eben die Technik insgesamt so verändert, dass im Sinne von Kybernetik (Herrschaft über Steuerungs-Impulse) eine in der Tat grundlegende Veränderung eintreten kann. Galt mehrheitlich bislang der Grundsatz, Menschen seien die letztendlichen Entscheider, so kann man nun die Entscheidung – – wollten Sie gerade sagen, Computern übertragen?

 

Welch eine tragische Blindheit! Denn mindestens noch einige Jahrzehnte werden wir definitiv nicht die sich selbst programmierenden „Roboter“ und damit Software, Computer haben. Das, was programmiert wird, stammt (jetzt und noch lange) aus Gehirnen lebender Menschen oder Aufzeichnungen verstorbener. Insofern reagieren alle Computer total „human“. 

 

Die Art oder die Orte, die „Herrschaft“ der menschlichen Impulsgebung haben sich verändert. Grundlegend – so dass wir es fast wie eine 180°-Wendung empfinden. Beispiel: Ein Flugzeug fliegt durch unruhiges Wetter, der Pilot „rudert“ am Steuerknüppel; diese Impulse werden zu Sensoren und Motoren übertragen, längst nicht mehr durch Seile direkte, sondern digitale Impulse indirekt. Aber es bleibt: Der Pilot gibt das Kommando (vor), die Maschine führt aus. Dies gilt oder galt im übrigens so eigentlich für alle Maschinen und maschinelle Systeme, egal, was ihre Funktion ist. 

 

 

Nun aber sitzen Hunderte von Fachleute, unter ihnen Piloten, zusammen und definieren, wie ein Flugzeug reagieren soll, wenn es durch schlechtes Wetter fließt. Hier nennt man es dann „Programmieren“, der relativ normale, selbstverständlich scheinende Ausdruck dafür ist übrigens Lehren & Lernen. Auch in einem (guten) Unterricht gibt der Lehrer Regeln vor, was wann wie richtig sei, und Schüler lernen es. Ersetzen Sie „Schüler“ durch „Software“, und sie haben für den Rest Ihres Lebens Kybernetik plus Industrie 4.0 verstanden. 

Photo: Wikipedia
Photo: Wikipedia

Also, schlussendlich:

Industrie 4.0 meint, es werden Regeln, die sich Menschen ausdenken, der Software und damit den Maschinen, Robotern, komplexen „biotopischen industriellen Systemen“ regelrecht beigebracht, eingepaukt – programmiert! Die Intelligenz einzelner Fachleute wird – siehe Schwarmintelligenz – gebündelt und verstärkt Programmen auf den Weg gegeben. 

 

Nun sitzt der Pilot gemütlich und regungslos im Cockpit, die Maschine arbeitet völlig souverän selbst schwerstes Wetter ab. Und wozu sitzt der Avionaut noch vorne? Nur aus dem Grund, damit die Passagiere keine Angst haben. Denn im Notfall besteht ohnehin null Chance auf Eingreifen durch Menschen, das zeigen die Untersuchungsergebnisse fataler Chrashs gleich reihenweise.

 

 

Seinen Sie doch froh, dass Ihre Waschmaschine weiß oder selbst herausfindet, wie die Hemden zu waschen sind. Sonst blieben sie schmutzig oder schrumpfen, knittern. Warum müssen Sie unbedingt selbst herausfinden, dass der Joghurt im Kühlschrank alle ist und die Babywindel voller Nässe? Lassen Sie das doch Industrie 4.0, Sensoren, Robotern, selbststeuernden Systemen, Informations- und Kommunikations-Cluster selbst machen – nebst entsprechender Reaktion: Fernsehprogramm unterbrechen, Banner einblenden: „Baby wickeln!“ – Postbote klingelt, die neue 12er Packung Joghurt ist da, obwohl Sie noch gar nicht entdeckt hatten, dass … – so und nicht anders, auf allen Gebieten, vor allem komplexen, „geht“ Industrie 4.0

Das elende Problem, das wir immer wieder haben: wir nehmen Anfänge nicht ernst. Microsoft und Apple in ihrer Gründungsphase. Ein paar Freaks, ein paar Spinner. Oder Mark Zuckerberg, oder Adobe: Eine handvoll Menschen hat die Welt verändert. Ach was, sie haben gerade erst begonnen, die Welt zu verändern!

.... .... uuuund –– ich ?????

Muss man Angst davor haben, nun arbeitslos zu werden? Es ist nicht zu beobachten, dass Frauen nun massenhaft vor Langeweile sterben, nur weil sie seit einigen Jahrzehnten die Wäsche in einem Zehntel der Zeit erledigt haben als noch Jahre zuvor. Es ist nicht eingetreten, dass Männer auswandern, nur weil sie nicht mehr 60 Wochenstunden am Hochofen stehen, sondern nominell 40 Stunden im Büro sind (was soviel heißt wie permanent 60 Stunden unterwegs). Will sagen: Es wird doch keiner arbeitslos, nur Art und Sinn, Inhalt und Nutzen von Arbeit verschieben sich sehr radikal, fundamentär, rigoros und vehement. 

 

Nachdem Maschinen die Überwachung von Menschenleben auf medizinischen Intensivstationen übernommen haben, kann man einen Fehler machen oder human sein. Der Fehler: Nun kann ein Arzt und eine Pflegeperson drei-, vier-, sechsmal so viele Patienten betreuen. Womit Ärzte und Pflegepersonal „überflüssig“ werden. Oder man kann die Arbeitsentlastung als Chance sehen, endlich zu tun, was „auf der Strecke geblieben ist“: psychologische Betreuung von Patienten und Angehörigen, viel bessere physiologische Konditionierungen im Genesungsprozess. 

 

Wer in der Produktion Personal spart, hat es für Service übrig – das ist die Generalformel, die hinter allem (in Verbindung mit Industrie 4.0) steckt. Das ist eine Frage von Konzept und Moral, von Cleverness und Weitsicht. Insofern ist Industrie 4.0 eine Befreiung von sklavischer, eintöniger, belastender Arbeit und Schaffen von Freiräumen für Kreativität und (wieder mehr) unmittelbare Kontakte und total entspanntes Arbeiten – so man es will oder noch kann, weil man über Jahrzehnte selbst zur dumpfen Arbeitsmaschine umerzogen wurde. Als makabres Bonmot ergibt sich daraus: Vor Industrie 4.0 haben alle Angst, denen klar ist, dass sie nichts können, was nicht auch eine Maschine, eine Software, eine Steuerungseinheit mit Sensoren, Chips und Drähten könnte. 

 

 

Doch wer kreativ ist, phantasievoll, offen für Neues und neugierig, was man noch alles erreichen kann, wenn man nicht durch Arbeiten daran gehemmt ist, für den ist Industrie 4.0 das Paradies. Weil alle Phantasie dann in einem höheren Maße als bisher in Realität verwandelt werden kann. Weil man als einzelner in der Lage ist zu erreichen, wozu es ehedem vieler bedurfte. Man hat immer mächtigere „Waffen“ im Sinne von Werkzeugen, die mehr können, als Geist und Körperlichkeit einer einzelnen Person bewerkstelligen könnten. In Kombination mit heute verfügbaren gigantischen Innovationen – genannt seien als Beispiele die Medientechnik und 3D-Proto-Modelling (bekannt als 3D-„Drucken“) – lassen sich damit Dinge machen, die niemals zuvor möglich waren. Eine total gigantische Chance …. !


 

Industrie 4.0 ist nicht neu. Doch die derzeitige Hysterie zeigt (wieder einmal), was passiert, wenn man schleichende Entwicklungen und scheinbar exotische Themengebiete schlichtweg über Jahrzehnte ignoriert. Dann wird man davon eines Tages total überrannt. Nicht Industrie 4.0 ist die Bedrohung, vor der wir stehen, sondern unsere eigenen gesellschaftspolitischen Versäumnisse, uns intensiv mit zukünftigen Entwicklungen frühzeitig auseinanderzusetzen. 

 

Solange in unserem System Lehrer Schüler unterrichten, die selbst niemals praktisches Arbeiten gelernt haben – geschweige denn Kybernetik! –, solange es Politiker gibt, die auf lokaler Ebene Städte fordern, die so sind wie früher und damit lebensunfähig, solange Gewerkschafter von ihren alten, längst nicht mehr existenten Berufen geprägt sind und nicht ein Studium der Futurologie durchlaufen haben (was immer das sein mag), solange wir mehrheitlich glauben, was ein Mensch weiß, sei nicht in Software zu formulieren, solange wir Computer als etwas betrachten, was nur unser Werkzeug und Hilfsmittel und nicht der Kern unserer Aktivität, Mobilität, Vitalität sind, solange werden wir über Industrie 4.0 völlig falsch diskutieren und sie niemals begreifen. 

 

Machen Sie ein Gedankenexperiment: Sie sind Königin, König, allein regierender Potentat in einem riesigen, reichen Land und haben beliebig viele Diener, Handwerker, Wissenschafter zur Verfügung. Was fangen Sie damit an? Was sind die Werke, die Sie initiieren?

Solange Sie diese Frage nicht beantworten können, werden Sie an Industrie 4.0 verzweifeln und nicht begreifen, was Sie Ihnen nutz. Die experimentelle Frage ist auch keine Kinderei, sondern ein Test, ob Sie noch zukünftig Management-Qualifizierung haben. Wer, was auf einen zukommt, nicht als Chance begreift – wie soll dieser Mensch andere begeistern und führen können, an der Nutzung der Möglichkeiten teilhaben?

 

Dass Industrie 4.0 vor allem für wenig qualifizierte Menschen, früher „Hilfsarbeiter“ genannt, keine bis kaum Verwendung hat, ist seit 40 Jahren und länger definitiv bekannt. Es ist nicht zu erkennen, dass in unserem Land in dieser Zeit eine ernsthafte, anhaltende Gestaltungs-Diskussion stattgefunden hätte, wie wir mit diesem gesellschaftspolitischen Zündstoff umgehen wollen, wie wir uns darauf vorbereiten, dass „Arbeiten“ in Zukunft nicht mehr die Art ist, Geld zu verdienen. Sondern „arbeiten lassen“. 

 

 

Über was beschweren wir uns, wenn wir nun von Industrie 4.0 sozusagen überrascht werden und erschrocken? Über nichts anderes als unsere eigenen Versäumnisse.