Das Wort im Kopf umgedreht

Vom Bedeutungswandel der Worte aufgrund der hilf- und haltlosigkeit des denkens und der werte

Haben Worte bestimmte Bedeutungen? Na klar. Aber: welche? Schon immer unterliegen Wortbedeutungen dem Wandel. Derzeit kann ein Wort ganz anderes aussagen als einst. Was zu Blödsinnigkeiten führt, die eigentlich fassungslos machen. 


Es gibt Menschen mit vielen und wenigen Kilos. Die darf man Dünne und Dicke nennen. Oder darf man Dicke nicht sagen? Korpulent wäre aber eigentlich das gleiche. Man könnte sich hinter Adipöse verstecken, das Wort kennt nicht jeder, ist der medizinische Begriff für Fette. Oder eben Neger. Ist politisch nicht mehr korrekt. Menschen schwarzer Hautfarbe kann man aber Schwarzhäutige nennen. Nigra ist lateinisch und heißt schwarz, Neger ist also ein Schwarzer. Wie gesagt: Neger verboten, Schwarzer erlaubt. Mit anderen Worten: In Trier steht die Porta Schwarz. Nicht die Porta Nigra. 


Also: sind wir eigentlich bekloppt? Die sinnvollste Antwort wäre ein schlichtes Ja. Denn wir haben summa summarum, in der Mehrzahl der Menschen unserer heutigen Gesellschaft, das Verhältnis, ja sogar die Kenntnis der deutschen Sprache verloren. Dabei meine ich gar nicht die, die es nicht als „Muttersprache" gelernt haben, sondern eigentlich Ursprech-Deutsche, also korrekt Deutsch-muttersprachliche Menschen. Die eigentlich zur Schule gegangen sind. Und einen mir nicht bekannten Unkenntnisstand der deutschen Sprache erworben haben. Besser gesagt, offensichtlich erst gar keinen Kenntnisstand von „gutem Deutsch“ erlangt haben. 


Was im Alltag zu einem babylonischen Sprachgewirr führt. Weil gleiche Worte für unterschiedliche Bedeutungen benutzt werden. Weil bestimmte Bedeutungen gar nicht mehr mit Worten codiert (belegt) werden können. Weil Worte weniger eindeutig sind, als es wünschenswert ist (oder sein sollte). 


WIR BRABBELN, ABER WIR VERSTEHEN UNS NICHT MEHR.


Kommt hinzu, dass – nach meiner Beobachtung – immer mehr Menschen einerseits selbst-unsicherer werden (also das Gegengeil von selbstbewusst) und andererseits (ziemlich sicher als Folge davon) aggressiver. Man schaue sich die Shit-Storm, Tweets, Chats auf diversen unsozialen Plattformen des Internets an: Beleidigungen und Beschimpfungen, Verachtungen und Postulate von Größenwahn sind das mindeste, was jeweils gepostet wird. 


Selbst Kabarettisten haben es heute nicht nur schwer; ach was, sie sind ausgestorben. Ein Werner Finck, Meister der nicht gesagten Worte – wer erinnert sich noch an ihn (und wenn ja, mit Freuden, die Wehmut auslösen). Eine Lore Lorentz, geniale Meisterin der sarkastischen Ironie. Selbst der letzte Alt- und Großmeister, Dieter Hildebrand, ist fast schon vergessen, weil über die letzten Jahre kaum noch verstanden (von einzelnen ja, aber nicht mehr von vielen). Und dann hole ich mal den ganz, ganz großen Hammer raus: Versteht eigentlich überhaupt noch jemand, von wirklich wenigen Ausnahmen abgesehen, Wort-Artisten wie Goethe, Schiller und Co., die Garde der Dichter der Romantik? Auch hier ist die Antwort schlicht und einfach, nämlich nein. 


Schade. Deutsch ist eine wunderbare, poetische, ungemein nuancenreiche, fast unendlich erscheinend differenzierungsfähige Sprache. Geschrieben, also im Kontext zu lesen und zu deuten fast ebenso wie erst recht in gesprochener Form. Wo Ironie und Leichtigkeit, ernste Bedeutung und Dramatik mit einer Schöpfungsfülle benutzt und präsentiert werden können, die wahrlich geistvoll genannt werden darf. 

Durfte! – denn leider, wir haben vielen, viel zu vielen Worten eine neue Bedeutung gegeben, die schlichtweg eins ist: falsch, doof, dämlich, dumm und ungemein selbst-verachtend. Wir haben uns der Wurzeln kluger Verständigung beraubt. 


Über eins bin ich mir allerdings noch nicht klar. Gibt es den rapiden Verfall von eindeutigen Wortbedeutungen, weil es den rapiden Verfall einstiger oder ganz generell von gemeinsamen Werten gibt. Oder verfallen die Werte in so viele inkompatible Cluster sich immer aggressiver gegeneinander verhaltender Menschen, weil es die gemeinsame Klammer eindeutig verstandener Sprache nicht mehr gibt? Ich fürchte, letzteres ist der Fall. Der Verlust der Bedeutung der Worte (und der Sprache) als Ergebnis der Verschiedenartigkeit von Werten. 


Zu Ende gedacht: wir befinden uns in einem Völker- und Bürger-„Krieg": dem Kampf unterschiedlicher Sprach- und Werte-Cluster („Haufen", „Klumpen", Verbände), der zwar keinen Sinn, keinen direkten Anfang und kein absehbares Ende hat außer dem Verfall der Gesellschaft in so viele Splitter, dass sie kein Ganzes mehr sein kann.