Sülze statt Hirn

Die Flucht in Worthülsen als Eingeständnis der Unfähigkeit

Wer nicht wirklich geistig weiter weiß, fängt an zu schwafeln. Zu sülzen. Dies kann im Einzelfall passieren, also personenindividuell. Oder kollektiv. Als Metapher, die von vielen übernommen wird und sozusagen Modewort wird. 

Beispiele:

  • Willkommenskultur
  • Trauerarbeit
  • Soziale Kompetenz
  • Alternativlosigkeit

Rückwärts aufgedröselt:

Alternativlosigkeit – warum sagt man nicht "ich weiß nicht weiter, etwas anderes fällt mir nicht ein, eine andere Lösung habe ich nicht?". Statt dessen die kesse Behauptung, irgendetwas wäre alternativlos, worin der völlig unberechtigte Vorwurf zementiert ist, jemand, der doch noch eine Alternative hat, wäre zu blöd, deren Sinnlosigkeit zu erkennen. Dabei ist es genau umgekehrt: wer Alternativlosigkeit beansprucht, zeigt sich als beschränkt; im wahrsten Wortsinne.


Soziale Kompetenz – gemeint sind eigentlich (gutes) Benehmen, Höflichkeit, Toleranz, Anpassungsfähigkeit. In einem Satz, ein geschätzter Mensch zu sein. Und kein Egoist, Rabauke, Drangsalierer. Aber nein, jemanden, der dumm und aggressiv ist (eine beliebte Kombination) zu sagen, er wäre dumm und aggressiv, wird - - - huch!, huch! - - - als Beleidigung ausgelegt. "Oh, ich wundere mich aber jetzt alternativlos über ihre soziale Diskompetenz!". Ja, stimmt, klingt besser als "Sie Arsch!".


Trauerarbeit – mit Verlaub, außer dem Kinn runter fällt mir alternativlos sozial imkompetent nicht, schon gar nicht ein bei diesem Wort. Gibt es denn auch ein Freudenfaulsein, was logisch sein müsste, nähme man Trauerarbeit ernst. Ein an Ekelhaftigkeit kaum zu überbietendes Wort: Was bitte, ist die Arbeit, die man in, an, um Trauer hat? Das Trauern um die Trauer? Absurder gehts wirklich kaum noch, einen emotionalen Zustand, eine Befindlichkeit der Seele als "Arbeit" zu bezeichnen. Im übrigen, falls sich jemand die Mühe macht, das Wort Arbeit wirklich zu verstehen, es ist definiert als Energiemenge oder -Aufwand. Ergo: Trauerenergie. Äääähhh ... ???


Willkommenskultur – ich stelle mir vor, alle tanzen im Kreis, singen alberne Lieder und schenken sich ein Gänseblümchen. Abermals das Wort definiert: Kultur kommt aus dem lateinischen cultura und ist im zusammengesetzten Substantiv Gartenkultur ziemlich eindeutig: Zucht, Pflege, Anbau, sich um Wachstum kümmern. Willkommenszucht, Willkommenspflege, Willkommensanbau. Abermals: Wen, außer am Ende des Lateins angekommenen Politikern und sonstigen eigentlich für Lösungen zuständige Menschen fiele die bedingungslose Kapitulation vor einem komplexen Thema so wortschwülstig ein?


Die hatten ja auch immerhin noch ein paar Knüller auf Lager:


Migrationshintergrund. Kommt ein Mann zum Fotografen: Bitte knipsen Sie mich mal vor meinem Migrationshintergrund. Eigentlich soll man Migranten doch vertrauen, wegen der Willkommenskultur und so. Aber wieso muss man sie denn als hintergründig ansehen, migrationshintergründig ???