Mindestlohn. So etwas Beklopptes.

Mein monatlicher Mindestlohn: 6209 Euro

Gute Arbeit muss gut entlohnt werden. An diesem Satz ist nichts falsches. Außer: Was, bitte, ist “gut” und was, bitte, ist Arbeit ????????

 

Als Mindestgüte legt die deutsche Bundesregierung derzeit 8,50 Euro pro Zeitstunde fest. Eine vollkommen wllkürliche Zahl. Aber gesetzlich verankert. Statistisch gesehen mag sie ihre Berechtigung haben. Bei einem so genannten Vollzeitjob ergibt sich eine Summe von 21 Arbeitstagen mal 8 Stunden sind 168 Monatsstunden, mal 8,50€ Stundenlohn gleich  1.428€. Das reicht, sagen die Reichen in der Regierung, zum überleben. Aha.

 

Ich habe auch einen Vollzeitjob. Mein Job ist – Denken. Um aus diesem Denken Multimediales  zu kreieren. Und mein Gehirn arbeitet pro Monat 365,25 Tage ./. 12 = ca. 30,44 Tage x 24 Std., also montatlich 730,5 Std. Multipliziert mit 8,50€ sind 6.209,25€

 

Wenn ich einen Text schreibe, dann brauche ich für das Hinschreiben (“in die Maschine tippen”) angenommen 1 Stunde. Zuvor, und zwar viele Jahre zuvor, habe ich aber, um diesen Text in einer Stunde schreiben zu können, Stunde um Stunde, Tage, Wochen, Monate, Jahre “investiert”, Zeit gebraucht, um Wissen und Erfahrung zu sammeln. Was ist nun Arbeit? Nur das Tippen auf der Tastatur?

 

Ich schreibe über das Konsumverhalten von Menschen; die ich natürlich beim Konsumieren beobachten muss. Also sitze ich im Café und trinke nebenbei einen Kaffee. Ist das Arbeit? Wird das mit 8,50€ pro Stunde mindestens bezahlt? Wenn draußen, irgendwo im Café, Kaffeetrinken nicht arbeiten ist, wieso wird dann Nebenher-Kaffeetrinken im Büro trotzdem mit 8,50€ pro Stunde mindestens vergütet?

 

Was ist Arbeitszeit, wenn ich nachts träume und diese Träume mir beim Konzipieren eines Konzeptes helfen? Bekomme ich dann Nachtzuschlag auf den Mindestlohn? Und ist die Zeit, die ich auf dem Klo verbringe, keine Arbeitszeit, obwohl ich dabei denken, also arbeiten kann?

Arbeitsentgelte auf industrie-steinzeit-niveau

Mich erinnert das Mindestlohn-Konzept an schlimmste Visionen von der Entwürdigung des Menschen. Ihn nämlich zu einem Roboter zu machen, bar jeglicher Individualität. Völlig abgeschnitten von den Früchten seiner Leistung, seines Könnens, seines Eifers. Gezwängt in einen Takt, wie die Sklaven. Als Mensch und Maschine noch in Konkurrenz waren. Gezwängt in Normen.

 

Der völlige Gleichtakt immer gleicher Bewegungen und immer kleiner werdenden Arbeitseinheiten, Arbeitsschritte. Das war einmal ideal. Es war grausam. Es war Verblödung. 

 

Was heute in vielen Berufen erforderlich ist – freilich nicht in allen – sind Intelligenz, Effektivität, Kreativität, Anpassungs- und Änderungsfähigkeit, Lernen, Optimieren, sich zeitlich wie von der Sache her vollkommen flexibel zeigen. 

 

Wieso kostet in einer Gaststätte ein Gericht x Euro, unabhängig davon, ob die Köche dafür 20 oder 15 Minuten gebraucht haben? Oder ein Flug rechtzeitig gebucht 200 Euro und last minute 400 Euro, obwohl die Flugstundenzeit vollkommen identisch ist?  Wieso soll dann nicht der Lohn eines "Arbeiters" für die Verrichtung einer bestimmten Arbeit genau so gut per Stück erfolgen – und nur in begrenzten, wenigen Ausnahmefällen HILFSWEISE per Stunde und pauschal??

 

Und wieso kostet das Gericht auf dem Teller nicht gesetzlich vorgeschrieben x Euro mal irgendeinen Faktor mehr, weil nämlich der Koch zig Stunden Ausprobieren und Erfahrung und Lernen in das Kochen dieses Gerichts investiert hat? Wer bezahlt ihm diese Zeit?

 

Ich schreibe, weil ich Erfahrung habe, einen Text in einer Stunde. Wäre ich doof, unerfahren, faul, bräuchte ich drei, vier, fünf Stunden. Bekäme ein zigfaches bezahlt, gesetzlich angeordnet, als unter Nutzung meiner Intelligenz. 

 

Ja, wie doof muss ich denn da sein, mich noch intelligent und könnend zu zeigen?

Zusammengefasst:

Ja, es gibt Arbeiten, die sind "getaktet". Da gilt die Formel "Menge Arbeitsstunden = Menge produzierter Leistung". Egal, ob man am (getakteten) Fließband steht oder als Bahnschaffner permanent von der Improvisation lebt, das aber eine Schicht lang. Da sind Mindest- oder sonstige Stundenlöhne angebracht. 

Aber mindestens gibt es ebenso viele Berufe, in denen Aufwand und Effekt (also Input und Output) NICHT an die Zeit gebunden sind, sondern anderen Faktoren unterliegen. Für die ist der Mindestlohn nicht nur "Quatsch", sondern schlichtweg unbrauchbar. Doch genau für diese Berufe hat die Wirtschaft, haben Gewerkschaften kaum Antworten bereit, da sie (durchaus an anderer Stelle aus gutem Grunde) gegen Dienstleistungsverträge sind. Aber eben "die Wirtschaft" eher zur Simplifizierung der eigenen Kalkulation nach Stückpreisen verlangt, völlig unabhängig davon, welcher Aufwand hinter der Herstlelung eines Produktes oder einer Dienstleistung steht. 

Ein Konflikt, der wahrlich einer ist, aber bei weitem nicht lösbar erscheint.