Medien machen Zitate zu Nachrichten und damit zu vermeintlichen Wahrheiten

Man muss sich dieses Widersinns nur erst einmal bewusst werden: wie kann etwas „privat“ sein, wenn es öffentlich gezeigt wird? Ein weiterer Beweis dafür, dass wir zwischen den Ebenen von Ursache und Wirkung, Sein und Schein kaum noch unterscheiden.
Man muss sich dieses Widersinns nur erst einmal bewusst werden: wie kann etwas „privat“ sein, wenn es öffentlich gezeigt wird? Ein weiterer Beweis dafür, dass wir zwischen den Ebenen von Ursache und Wirkung, Sein und Schein kaum noch unterscheiden.

Dies ist ein Foto einer (im übrigen netten und charmanten) Person, das diese Person mit einem Foto seiner Person in einem Medium zeigt, das dieses Foto einem anderen Medium entnommen hat und das Foto deshalb so interessant ist, weil auf dem Foto eine andere Person zu sehen ist. 

 

Was jetzt nach höherem Blödsinn ohne tieferen Ernst klingt, ist die Medien-Wirklichkeit der jetzigen Zeit. In der die vermeintliche Wahrheit daraus besteht, dass andere Medien zitiert werden. Das kennt man in abgewandelter Form schon lange, heißt manchmal Voodoo oder scheinbar seriös klingend "a self fullfilling prophecy". Man kann – voodoo-like – einem Menschen so intensiv suggerier, bald zu sterben, bis die Person aus Angst um ihren Tod wirklich stirbt. 

 

Alles Quatsch? Nein, das Geheimnis heutiger Medien ! ! ! 

Irgendetwas passiert auf dieser Welt. Dann könnte ein zufälliger Augenzeuge zufällig ein Handy-Video machen und es auf YouTube einstellen. Von YouTube geht es als Links und Likes via Facebook in andere Kanäle, Google+ und Xing, normale Emails und Blogger in aller Welt tragen es weiter. Oft binnen Stunden (um nicht zu sagen: zuweilen auch binnen Minuten). 

Nun berichtet eine – oder mehrere – Tageszeitungen darüber. Worauf eine Presseagentur einen Artikel schreibt, des Inhalts, dass zahlreiche Blogger über ein Youtube-Video berichten, das irgendetwas zeigt. 

Diese Pressemitteilung wird nun an die Tagesschau oder den Spiegel gesendet. Einer von beiden, sagen wir Spiegel Online, veröffentlicht es. Dann berichtete eine Stunde später die Tagesschau, dass Spiegel-Online meldet ... –– –– –– und so weiter, und so fort. 


Wahrheit aus fünfter, sechster, zehnter Hand. Und keiner hinterfragt sie mehr. Das Ereignis an sich kann falsch dargestellt sein. Mag sein, dass auch dies diskutiert und kommentiert wird. Aber Tatsache ist, dass die Meldung an sich als Tatsache gilt – eben: a self fullfilling prophecy. Der Beweis seiner selbst. Bewiesen ist nichts, außer, dass der Beweis nicht widerlegt werden kann. Ein Phänomen, an dem Philosophen, Logiker und Rhetoriker in den verschiedensten Varianten schon seit Jahrtausenden sich die (mentalen) Zähne ausbeißen. Wenn ein Kreter sagt: "Alle Kreter lügen" (Achtung, keine Diskriminierung und Grund für einen Griechenland-EU-Austritt, sondern uraltes Logik-Paradoxon aus der Antike).

Schauspiele, Gedichte, Theater, Film, die ganze Literatur – seit jeher und mit anhaltender Lust tun sie genau nichts anderes. Nämlich Fiktion und Phantasie als Realität zu präsentieren und zu suggerieren, als könne, was eigentlich unmöglich ist, wirklich möglich sein. Alle Helden- und Sciencefiction-Filme leben davon, dass Zuschauer bereit sind, ihre eigene Logik  auszuschalten und sich der Illusion hinzugeben, das Virtuelle sei das Reale. Solange Bud Spencer mit einem Schlag 20 Gegner in den Sand haut (was nicht geht) oder James Bond mit einem Kugelschreiber als Raketenshuttle durch die Luft fliegt (was auch nicht real möglich ist), rettet das Bewusstsein, alles sei Klamauk und Parodie die Zuschauer vor der Einweisung in die Psychiatrie.


Bislang hatte man unterschieden zwischen Theater/Kino und den Medien (denen Wahrheits- und Wirklichkeits-Gehalt zugeschrieben wurde). Wenn im Kinofilm der schnöde Schurke die schwangere, 

lustvoll schmachtende Maid sitzenlässt, dann heulen zwar ganze Heerscharen eigentlich ansonsten ganz vernünftiger Frauen – aber nun ja, hier (im Dunklen des Kinos) ist man Menschin, hier darf man sein, wie man ist. 


Doch jetzt auch: nun regen sich Millionen von Menschen auf, weil sie lesen, was andere Medien geschrieben oder getwittert oder gelikt haben – sie regen sich auf, ohne jemals zu fragen, ob das, worüber sie sich aufregen, wirklich wahr ist oder sein könnte. 


Wenn Zuschauer Soap-Operas und nachgestellte vermeintliche Reportagen für die wahre echte Wirklichkeit halten – oder wenn sie der Meldung der Tagesschau vertrauen, Spiegel Online würde berichten, die Nachrichtenagentur meldet, dass Blogger weitergeben, was über Facebook verbreitet wird, dass ein Youtube-Video ...  – – dann sind die Medienkonsumenten wirklich dort angekommen, wo sie kein Entrinnen mehr haben. 

Im Wahn-Sinn. In einer Welt, von der sie wähnen, es wäre die echte, wirkliche. Und die in Wirklichkeit eine bloße Selbstbezüglichkeit ist: Die Medien berichten über die Medien. Die Literatur darüber, wie Literatur entsteht. Filme zeigen, wie man Filme macht. 

 

Übrigens, das will jetzt nichts heißen, dieser Blog (und anderes von mir) ist nichts anderes als ein Medium, dass über Medien und ihre Wirkungsweisen berichtet. Aber wie gesagt, dass muss nichts hießen.

Wer jetzt noch nicht den Überblick verloren hat oder verrückt geworden ist, dem empfehle ich nebenstehendes Buch. Doch bitte seien Sie vorsichtig: in weniger als einem Jahr Lesezeit – täglich fast nicht mehr als eine Seite – werden sie es selbst bei testierter Hochintelligenz kaum verstehen können. 


aus Wikipedia:

Hofstadter sieht in bestimmten selbstbezüglichen Mustern, den von ihm so genannten Seltsamen Schleifen, den Schlüssel zum Verständnis von Phänomenen wie Sein oder Bewusstsein. Er stellt diese Muster in seinem Buch vor. Seine Systematik verbindet das mathematische Werk Kurt Gödels mit den kunstvollen Illustrationen M. C. Eschers und der Musik Johann Sebastian Bachs. Diese schöpferischen Werke setzt er in Beziehung zur Informatik, wie selbstbezüglichen Computerprogrammen, den so genannten Quines, und den Strukturen der DNA, mithin der Molekularbiologie.

Das Buch wurde in Deutschland ein Bestseller und stand für fünf Monate auf Platz 1. 1980 wurde es mit dem Pulitzer-Preis in der Kategorie General Non-Fiction und dem American Book Award in der Kategorie Science Hardback ausgezeichnet.


Zeitung, Wahrheit, Medien-Entwicklung

Cordt von Schnibben und ein Multimedia-Feature in Spiegel Online