Betreutes Schreiben. Und andere Entmündigungen.

Neulich wurde in Solingen – wieder einmal – eine „Schreibwerkstatt“ angeboten. Das ist eine ähnliche Wegnahme jeglicher (mentaler) Selbständigkeit wie ein Gitter am Krankenbett oder das Geschobenwerden im Rollstuhl. Schreiben ist kreativ. Kreativität ist etwas Persönliches. Etwas sehr Meditatives. Ein Dialog mit sich selbst (uralte Metapher). Ein Hineinhorchen in sich bzw. auf die Innere Stimme. Schreiben ist etwas Intimes. 


Wie kann ein anderer Mensch sich anmaßen, darüber zu urteilen. Gar „helfen” zu wollen. Wie kann man in der Gruppe, sozusagen geistig Händchen-an-Händchen, schreiben? Ja, singen kann man miteinander, tanzen auch. Aber nicht schreiben. Der eine hüpft dabei rum, der andere sitzt wie erstarrt, die eine will den Tee dazu schlürfen, andere liegen in der Sonne und warten auf Ideen. Eben: schreiben ist etwas ganz Pesönliches. 


Nicht, wenn man psychotherapeutischen Missionswahn hat. Dann bietet man eine Schreibwerkstatt an, in der sich womöglich alle lieb haben müssen. Schreiben ist auch Verarbeiten von Wut und Empörung. Bevor Sie das für Unsinn halten: dies ist eine Original-Aussage von Herta Müller, der diesjährigen Preisträgerin der Schärfsten Klinge, der höchsten Auszeichnung Solingens. Protest kann man nicht formulieren, wenn man zum Bravsein gezwungen ist. 


Wenn man sich umschaut in den Bemühungen um Einigkeit und Harmonie „im Internet“, auf den Foren aus und über die Klingenstadt, dann kann man immer mehr zu dem Schluss gelangen, es ginge eine Verkindlichung umher, die man in fortgeschrittenem Alter Demenz nennt. Eine Süßlichkeit des gewollten Bemühens, die als Anmaßung bezeichnet werden darf. 


Es kann sein, dass ich schlecht schreibe, Mist, Unsinn, Furchtbares. Aber dann a) WILL und b) ICH das schreiben, auch wenn es anderen nicht gefällt. Es ist nämlich mein Schreiben. Es muss nicht jedem anderen gefallen. Aber dass andere, bar sonstiger geistiger Freundschaften, es nötig haben, sich Vorschriften für ihre Kreativität und Phantasie machen zu lassen, sich in Gruppen einzuzwängen, die angeblich der Individualität dienen – boh ey Mann, arme Schweine. 


Ach so: Es ist wie in der Fahrschule; gut, wenn bei den ersten Übungen ein Fahrlehrer dabei ist. Aber wohin ich fahre, nach der Prüfung, das bestimmt nicht der Fahrlehrer. Man kann „Schriftstellerei-Werkzeuge“ kennen lernen. Aber schreiben, nein schreiben kann man immer nur - - - aber das sagte ich ja bereits.