Gutenberg, Vollidiot? 
Oder: Warum wir das Internet oft nicht verstehen

Solinger Digitalisierungsbemühungen scheinen vor Gummiwände zu laufen

Um was es geht: Die Stadt Solingen – nicht zuletzt energisch vorangetrieben durch OB Tim Kurzbach – will die Möglichkeiten der Digitalisierung fördern. Es besteht keinen Zweifel daran, dass dies ein ehrliches Bemühen ist. Die Resonanz bei denen, die davon profitieren sollten oder könnten, ist überdurchschnittlich gering. 

Erschreckend ist, wie wenig Grundkenntnisse über die Funktionen der Digitalwirtschaft (E-Commerce eingeschlossen) in Solingen vorhanden sind – misst man es am nervenaufreibenden Geschwurbel bei dieser Veranstaltung (die sich dann auch zuschauermäßig frustvoll ausdünnte). Oder, diesen Verdacht werde ich partout nicht los, diejenigen, die als Klingenstädter digital gut unterwegs sind, begeben sich erst gar nicht (mehr) in solche Niederungen der Nutzulosigkeit. Eine Nutzlosigkeit, die nicht den Initiatoren als Schuld anzuschreiben wäre. Viel schlimmer: Die Stimmung hätte eigentlich irgendwie Marke „Goldgräber“ sein sollen. Sie war aber Marke „Totengräber“. Wobei, wieder einmal 99,99 % der Zielgruppe erst gar nicht erschienen ist.  


Da müsste vielleicht erst einmal geklärt werden, was Gutenberg mit dem Internet zu tun hat. Als Gutenberg seine Idee der beweglichen Lettern austüftelte (nein, das Drucken hat er nicht erfunden, sondern das Setzen), konnten in seinem Wirtschaftsraum nur ein paar sehr wenige Prozent der Menschen lesen. Es war also eigentlich totaler Blödsinn, Setzen zu erfinden. Keiner fragte danach. So wie beim Internet: Wer hat das als "Normalmensch" schon erwartet, verlangt, gefordert ... ???

 

Das Schriftprivileg lag noch nicht mal bei den weltlichen Höfen, sondern bei der Kirche. Weswegen sie immense materielle Vorteile hat – auch beim Ausstellen von Besitzurkunden („Wer schreibt, der bleibt“). Und die Meinungsdeutungshoheit hatte sie dank päpstlicher Zensur (Imprimatur, „es werde gedruckt“) sowieso. Und dann dieser Gutenberg: Plötzlich konnte theoretisch jeder veröffentlichen. Was damit begann, war nicht weniger als ein neues Kultur-, Geschichts-, Lebens- und Wirtschafts-, Politikzeitalter sowieso. Protestantismus, Renaissance, Aufklärung, und in Folge von diesem und mehr Wissenschaft, Forschung, Technisierung, – bis hin zu globalem Handel. Ohne Drucksachen (das könnte man hier mit endlosen Beweisen untermauern) wäre dies alles nicht möglich gewesen. 

 

Und nun ist das Internet da. Und damit das globale „digitale Publizieren“. Plus vernetztes Organisieren, Handeln, Produzieren.
Und wieder, ziemlich genau 500 Jahre nach Gutenberg, wird ein neues Zeitalter eingeläutet. 

 

Gutenberg wurde nicht verstanden, er selbst machte Konkurs. 99,9 Prozent der damaligen Menschheit wird es nicht die Bohne interessiert haben, was Gutenberg machte, sie haben es weder verstanden noch genutzt. 

Und nun das Internet. 99 – nein, „nur“ 97 Prozent der jetzt tätigen Einzel- und Großhändler, produzierenden und dienstleistenden Firmen verstehen, nutzen es nicht. Der Rest verändert derzeit gerade die ganze zahlungsfähige Welt. So wie die wenigen, die damals den Buchdruck nutzten, eine andere Welt schufen.

 

Eine gewaltige historische Dimension. Aber sie ist wahr. Und abermals beweisbar. Dazu genügen  übrigens zwei Worte. Google. Amazon. – Und jeder weiß, die Welt von heute ist nicht die von gestern, die Welt von morgen wird nicht die sein, die sich die meisten Menschen zu erhalten wünschen. 

 

Und in diese eigentlich „Goldene Zeit“ hinein muss Oberbürgermeister Tim Kurzbach sich hergeben und wie ein Rufer in der Wüste zu scheinbar Blinden und Lahmen reden. Ehrenwert, aber verdammt peinlich auch. Nicht für Kurzbach, nein nein. Sondern für die, die zuhause geblieben sind, weil sie (vielleicht, wahrscheinlich sogar) wieder einmal besser wussten.  „Wat soll dat? Dat is nix für mech, dat bruk ich nit."

 

Eigentlich hatten sie sogar recht. Denn das, was bei der Veranstaltung von so ernannten Experten vorgeschlagen und vorgestellt, konkreten Strategiebeispielen ausweichend unnützer Weise vorgetragen wurde, war das so ziemlich falscheste, was man über das Internet sagen kann. 

 

 

Online und offline (will sagen: Stationärer) Handel zusammen, kombiniert, parallel.
So ein Blödsinn aber auch!
So ein falscher Gedanke!

 

 

Da diskutierten doch wirklich stundenlang die Männer (hey, wieso war keine Frau dabei, Internet ist doch eine smarte, intelligente Technologie !!! ??? !!!) doch tatsächlich, ob es schon Online-Handel wäre, wenn der Eierhändler seine Legehennen im Bild vorstellt. Das darf doch nicht wahr sein!


Gut ist immer ein Blick über den Tellerrand.

 

Nehmen wir an, ein Lokal hätte zwei, drei Michelin-Sterne. Und das seit Jahrzehnten. Kommt der Wirt auf die Idee, seine Ware am Holzhütten-Anbau der gediegenen Gourmet-Villa als Fastfood zu verkaufen. Gute Idee? Ja, für einen Heiterkeitsmoment und einen Verlustvortrag in der Bilanz schon. 

 

Kommt der Currybudenbesitzer auf die Idee, im angemieteten Haus nebenan ein Lokal einzurichten, wo „Pommes Schranke“ (kennt das eigentlich noch jemand) mit Blattgold verziert 40 Euro der Miniteller kosten. Gute Idee?

 

In Deutschland gibt es ca. 300 (Michelin-)Sternerestaurants. Das haben jenme gute Küche, von der alle immer so schwärmen. Und kein stationärer Einzelhändler vor Ort soll leugnen, sich für solch einen Besonderen unter den Besseren zu halten. Wieviel Umsatz mögen insgesamt diese Stars am Herd machen? Rechnen wir es großzügig, sagen wir 300 Millionen Euro jährlich (es ist weniger!). 

 

Die größten Restaurants (Skychefs und McDonalds Deutschlands) machen  jeder das 10fache davon, weit über 3 Mrd. Euro jährlich. Allein Ikea macht mit den an den Möbelhäusern angeschlossenen Restaurants jährlich eine Viertelmilliarde Euro Umsatz, ungefähr so viel wie alle Sternrestaurants zusammen!

 

Nun werden viele sagen, diese Fast-Food- und Systemgastronomie könne man nicht mit den Edelküchen und ihren individuell gekochten Gericht pro Teller vergleichen. Richtig. Und ebensowenig kann man Onlinehandel mit stationärem Einzelhandel vergleichen oder gar verbinden wollen. Es ist schlichtweg Blödsinn. 

 

Systemgastronomie braucht völlig andere Komponenten wie ein „normales Restaurant“: Beschaffung, Speiseplan, Equipment, Logistik, und und und. Also: Online-Handel, E-Commerce braucht ganz andere Organisationsformen und vor allem Dimensionen als stationärer Einzelhandel. 

„Going digital“, E-Commerce, Online-Handel, Webshops sind  nicht das Basteln einer  Homepage. Sondern eine völlig anderen Gesetzen unterworfene bzw. dienende Unternehmer-/Unternehmens-Strategie als lokale, stationärer, face-to-face-Handel (also die klassischen Einzelhandels-Geschäfte). 

Der immer noch richtungsweisende Rat aus  den Anfangstagen des Internets heißt:
„Re-Invent Your Business on the Web“.
 Erfinde das, womit Du Geld verdienen willst, auf der Basis und mit den Möglichkeiten des Internets neu. NEU !!!! N_E_U
Und NICHT: transferiere Dein konservatives Handeln in eine Homepage oder etwa nur einen Liefer-/Bring-Service.


„Kann“ überhaupt eine Stadt(verwaltung) Online / Digital / Netzbasiertes vorantreiben?

Nee, natürlich nicht. Und genau das sagt, konsequent, OB Kurzbach ständig. Was eine Stadtverwaltung (und ach wie schön wäre es, auch „die Politik“ täte es) kann, ist den Rahmen dafür schaffen, Voraussetzungen, Hilfen geben, Anregungen sowieso. Genau das geschieht. Genau so ist die Strategie der Stadt Solingen. 

Leider wendet sich auch die Stadt an die falschen Personen. Es ist nachvollziehbar, es ist anständig, es ist gut gemeint, die bisher Trägen und Nichtbegreifenden „zum Schießen tragen“ zu wollen, wie das Sprichwort sagt, oder „zum Glück zwingen“ zu wollen. Allein: Die (Unternehmen / Unternehmer), die heute noch nicht wissen, um was es bei den netzbasierten/Internet-Konditionen geht, haben zwanzig (in Worten zwanzig) Jahre satt gepennt. Sie haben schuldhaft und eigenverantwortlich ihre eigene Zukunft ignoriert. Sie waren zu mutlos, sich der Zeit anzupassen. Ihnen fehlte das Wissen, was auf sie zukommt. Oder sie waren ganz einfach nur zu faul. Letzteres wohl vor allem. 

Um so mehr ist der Langmut der Stadtverwaltung zu loben. Auch wenn sie die Veranstaltung machte, weil es dafür mit Sicherheit Zuschüsse gibt.

Aus eigenen (früheren) Werken / Artikeln:

Textpassage aus dem ...

(...)

Keinem einzigen Solinger Unternehmer oder Einzelhändler ist jemals verboten worden, auch einen Online-Handel zu starten. Tausende spezialisierte Geschäfte/Lieferanten haben im Online-Handel mehr als nur ein Zubrot gefunden, viele sind längst Online fest etabliert und verdienen dort ihr Geld. Jeder Solinger Unternehmer, jedes Solinger Unternehmen, hatte und hat das Recht, die Möglichkeit, die Chance, ins Internet-Geschäft einzusteigen. Wer’s nicht tut – selbst schuld. ABER BITTE: Mund halten, nicht jammern!

Vielfach habe ich schon in Solinger Geschäften wegen nicht vorhandener Artikel – Art, Ausprägung, Größe … wichtige Details – die hilflose, jämmerliche Antwort gehört „Nein, haben wir leider nicht da, können wir Ihnen aber bestellen“. Sorry, seh ich wirklich so doof aus, schaue ich so dämlich, als ob ich nicht selbst im Internet bestellen könnte???

Soll ich wirklich noch einmal in die Stadt fahren oder quer durch die halbe Stadt, nur um etwas abzuholen, was mir der Paketdienst ohne Mehrkosten direkt an die Haustüre liefert?

Natürlich kaufe auch ich im Einzelhandel. Im Urlaub. Wenn ich Zeit habe. Wenn ich guter Laune bin und irgendwo. Aber da kaufe ich nicht gezielt, sondern das, „was mich anlacht“.

Dutzende Male habe ich in Solingen das Experiment gemacht, mit einem gar nicht mal so kleinem Betrag in der Tasche durch die Stadt zu bummeln  und bereit, mich zum Kauf verführen lassen. Ein jedes Mal bin ich mit der kompletten Summe nach Hause gekommen. 

Bei Amazon oder einem der unzähligen Spezialitätenhändler, ja selbst inzwischen bei Aldi (Trend: hochwertig) kaufe ich grundsätzlich mehr, als ich eigentlich wollte.

Und diesem stationären Einzelhandel, der so sträflich die Consumer-Trends vernachlässigt, dem soll ich als Kunde noch jemals wieder trauen?

Und diesen sich auf Lorbeeren (sprich Vermögen und Ersparnis) ausruhenden Ingoranten läuft eine Stadtverwaltung hinterher? 

Ich habe die Befürchtung, bei aller Respekt, was da geschieht, es ist Perlen vor die Säue geworfen. 

Worauf sich, damit will ich schließen, die Stadt konzentrieren sollte, sind die jungen Wilden, Mutigen, Ideenreichen. Jung ist in diesem Sinne und Falle keine Frage des körperlichen Alters, sondern der geistigen Flexibilität.

(...)

Laudatio. für einen Publishing- und Internet-pionier.

Paul Brainard, US-Amerikaner, hat „Desktop Publishing“ erfunden; ein immens wichtiger Bauteil der späteren www-Aktivitäten des Internets. Dahinter steht nämlich die Architektur der Dokumenten-Speicherung, die  Grundlage fürs digitale Publizieren wurde (anfangs: XML, die extended Markup-Language, was zu deutsch sich nur holprig als erweitere Element-Kodierung übersetzen lässt). Darin eingebettet sind die http-Befehle, das Hypertext-Transfer-Protocol. Verdeutscht, sinngemäß [und nicht wörtlich]: systemunabhängige Informationsübertragung.

Paul Brainard ist 1994 mit der Gutenberg-Medaille ausgezeichnet worden, der weltweit höchsten Anerkennung in der grafischen Industrie. Der Laudator nannte Brainard „den Gutenberg der Jetztzeit“. Die Fachwelt sah das weltweit auch so und zollte der Entwicklung dieser gesamten Pioniergeneration der DTP- und Internet-Entrepreneure („[wage]mutige Unternehmer“) höchste Anerkennung und Lob. Denn ein neues Zeitalter war geboren, wie einst durch Gutenberg.

Ganz nebenbei, der erwähnte Laudator war ich. 


Vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht, einmal in die Anfangsjahre des Internets zurückzublicken, um es heute zu verstehen. 

Hier ein Script für ein Seminar / begleitend zu Vorträgen, vor 22 Jahren, nämlich 1996 erstellt (Achtung: Adresse incl. Homepage existieren nicht mehr). Was beweist, das man in Solingen den Trend in großen Teilen von Handel und Industrie willentlich ignoriert hat. Denn mit diesem Themen wurde ich seinerzeit, vor 2 Jahrzehnten, in Solingen und von Solingern mitleidig angeschaut, als hätte ich einen an der Klatsche. Dass ich es umgekehrt sah, möge man mir nachsehen und ggf. nunmehr nachvollziehen können. 

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ZUM PERSÖNLICHEN GEBRAUCH:
Seminar- und Vortragsunterlagen zu Marketing- und Sales-Strategien angesichts der neuen Möglichkeiten des Internets.
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Beleidigt sein mag einem helfen. Aber nützen tut es nichts. Ganz im Gegenteil.

Nun bin ich mir ganz sicher, dass etliche in Solingen beleidigt und gekränkt sind, wenn ich wie oben behaupte, das Thema der Veranstaltung würde 20 Jahre hinter der Zeit herhinken. 

 

Deshalb mal hier ein paar Links, die erahnen lassen, wo die Welt heute, 2018, steht. Und dass das mit "online und offline Handel zusammen" nicht mehr das geringste zu tun hat. Die Themen, die akut sind, sind völlig andere. 

 

Und so könnte es sein, dass die, die erst gar nicht zu dieser Veranstaltung gekommen sind, wirklich die schlaueren waren. 


Und zum Schluss noch was ganz lustiges, bei dem man wieder einmal nur noch krampfartig weinen kann. In der Podiumsdiskussion und dem Referat wurde ein ums andere Mal behauptet, der persönliche Kontakt sei wertvoller und wichtiger als der übers Internet. Und just veröffentlicht die Stadt Solingen selbst diese Pressemitteilung (Originaltext), bei dem man mal wieder sieht, wie weit man kommt, wenn man sich auf Personen verlässt:

Beschwerdestelle nur online

07.05.2018 - 269/bw

Auf der Homepage der Stadt Solingen

Wegen Urlaubs und Krankheit bleibt die Beschwerdestelle der Stadt Solingen in dieser Woche geschlossen. Online kann man sein Anliegen jederzeit auf der Homepage der Stadt Solingen loswerden: auf der Startseite unter "oft gefragt", Mängel, Beschwerden, Lob, Kritik. Es wird so schnell wie möglich bearbeitet.

Anmerkung noch: Wer nicht bei Xing, Twitter, ggf. auch LinkedIn und ähnlichen Plattformen ist, der braucht auch nachfolgendes nicht zu lesen, ... und ob es noch Hufschmiede in Solingen gibt für die Fuhrwerke, weiß ich im Moment auch nicht so aus dem Kopf zu sagen. 

Man könnte buchstäblich Tausende Artikel linken. Es soll hier ja nur ein Beispiel sein für Themen, die derzeit international wie national jenseits der Stadtgrenzen diskutiert werden. 


"Skepsis verspielt die Zukunft Solingens!" ?

Arbeitnehmerempfang des Oberbürgermeisters der Stadt Solingen – Tim Kurzbach – am 30. April 2018 in der Gesenkschmiede Hendrichs.


Während die Digitalen Medien die Informationswelt diversifizieren, scheint das Thema Digitalisierung die Solinger Medien zu vereinheitlichen. 


DIGITALISIERUNG

Kapitalisierung. Motorisierung. Renaturisierung. Instrumentalisierung. Man könnte endlos solche Begriffsungetüme nennen, zu denen auch Digitalisierung gehört. Denn das Wort alleine ist nichts und nutzlos – gleichwohl vielgebraucht. Erst die Prozesse, die damit verändert oder gemacht werden, die Anwendungen, der Nutzen, die Effekte machen das Revolutionäre aus, gemessen am bisherigen. Hardware, Software, Middleware, Firmware sagen IT'ler. Digitalisierung ist nur das Funktionsprinzip der Hardware, die damit überhaupt erst anderes ermöglicht. Aber Digitalisierung als isolierter Begriff ist nicht, was die Komplexität, die damit verbunden sein kann, beschreibt.


Kommentar, Fazit: Ein DGB-Statement, das einen hilflos schluchzend macht.

Seit es die Digitale Revolution gibt (ein besserer Begriff als nur "Digitalisierung"), splitten sich Menschen in zwei Gruppen, die man sogar verschieden bezeichnen kann. In Onliner und Nonliner (so ein oft gebrauchter, geradezu "offizieller" Terminus). Man könnte auch sagen in "die es gerafft haben" und "die es nicht kapieren". Deren hilflose Argumentation, man liebe eben Papier und das Bewährte, hebelte der Referent Klemens Skibicki extrem elegant aus: "Hätte es zu ihrer Kindheit und Jugend, als sie Ihr Verhalten gelernt haben, schon digitale Tools und Infrastruktur gegeben, hätten sie sich erst gar nicht das angewöhnt, was Sie heute verteidigen." – Richtiger kann man es nicht argumentieren. Online- und Smart-Tools sind eben doch eine Generationenfrage und nicht selten auch ein Gradmesser mentaler Flexibilität. Voraussetzung ist immer: Es muss sich ein persönlicher Vorteil, erkennbarer Nutzen ergeben. Menschen mögen es, mittel Werkzeugen "Helden" zu sein.

 

Die Veranstaltung ging 2:1 aus. Zwei, die es gerafft haben, nämlich der Solinger OB und der Referent. Plus jemand, der zum Fremdschämen geeignete Peinlichkeiten von sich gab. So dass zumindest ich sämtlichen Glauben daran verlor, der DGB wäre noch auf der Höhe der Jetztzeit. Auch dafür hatte Skibicki die richtige Analyse. "Man wird ja nicht gezwungen, Google oder Facebook zu nutzen. Aber wenn Sie es tun, haben Sie andere Möglichkeiten als bisher". Wobei diese beiden Namen nur stellvertretend für das Internet insgesamt galten. Gemessen am Möglichen bleiben Nonliner suboptimal. Das ist nicht verwerflich. Aber im Berufs- und Geschäftsleben fast immer ein Nachteil. 

 

Der Solinger DGB-Vorsitzende leitete mehr bräsig als eloquent ab, aufgrund des Füllstandes seines Briefkastens könne man im allgemeinen noch nicht von einer um sich greifenden Digitalisierung  sprechen. – Boh. Schon vor 25 Jahren hat man in Fachkreise die Menschen, die so redeten, für Grufties angesehen, weil sie egozentrisch rückwärts schauen. Kapiert das ein DGB-Vorsitzender nicht? Klar, muss man sich auch heutzutage kein Auto kaufen. Mann kann zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren. Aber wenn man in einer Stunde 100 Kilometer weiter sein muss, weil es das Geldverdienen verlangt, sind die Füße oder ein Pedal verdammt schlechte Werkzeuge. So auch mit dem Digitalen: Eine Welt, die global agiert, kann nicht auf Briefträger warten !!!

 

Insofern gebe ich beiden Plus-Rednern recht: Die Welt wartet nicht auf Solingen, damit die digital basierten Infrastrukturen umfassender werden. Aber OB Kurzbach sagte auch, sinngemäß, die Welt warte noch immer darauf, dass sich Solingen mehrheitlich und laut dafür begeistert – von etlichen positiven Ausnahmen abgesehen, die heute schon auch in der Klingenstadt IT-technisch total top sind.


Solinger ob: "Wir müssen die Verantwortung selbst in die Hand nehmen".

Die Stadt(verwaltung) Solingen unter OB Kurzbach hat neben Nachhaltigkeit die Digitalisierungsoffensive zum Priorat, zur "obersten Chefsache" erhoben. Aber OB und Stadt haben auch ein Problem: Weder die Solinger Medien noch die Verwaltung selbst haben bisher die klare und lobenswert fundierte Direktive des Stadtoberhaupts deutlich gemacht, machen können. Denn im Gegensatz zu der entsetzlich belanglosen Schwurbelei, die man in Solingen leider allzu oft zu hören bekommt, wenn es um Industrie 4.0/5.0 geht (um ein anderes Buzzword zu zitieren), reiht Tim Kurzbach eine logische Richtigkeit und "klare Ansage" an die andere. Zusammen formt sich ein Konzept, das Raum gibt für Experimente und zu sammelnde Erfahrungen, aber auch die Brücken abbricht für faule Ausreden und überhaupt das Verpennen der Zukunft. Er spricht von einer "Mammutaufgabe". Das mag manche entmutigen oder erschrecken, aber schließlich hat die Menschheit als Kulturvielvölkergemeinschaft solche Mammutaufgaben schon immer und zu Dutzenden gelöst. Technisch-funktionale Revolutionen gab es bereits viele.

Es ist geradezu ein Witz hier in Solingen. Eigentlich ginge das Vorurteil doch so: Die Wirtschaft passt sich rasant den globalen Veränderungen an, die Verwaltung hinkt hinterher. Nööö, hier ist es umgekehrt: Die Verwaltung mahnt und macht Vorschläge, geht in Vorleistung, und die Wirtschaft wartet überwiegend-mehrheitlich (bis auf etliche, sehr positive Ausnahmen) erst mal ab. Einige Tausend Briefe versendet die Verwaltung mit einem Aufruf, in Diskussion über Zukunftsthemen zu treten, gemeinsam zu überlegen und Neues zu wagen: Anzahl der Rückantworten: .... neee, die Zahl zu nennen ist einfach zu peinlich. 

"Bereiten wir uns bitte auf das vor, was auch ohne uns unausweichlich kommen wird." Klarer kann man kaum sagen, dass weder hier noch weltweit irgendwo irgendeiner, der wirtschaftlich erfolgreich bleiben möchte, sich vor dem Thema drücken kann bzw. sich darauf einstellen MUSS. Die Veränderungen schaffen neue Produktions- und Arbeitsstrukturen, sie führen zu ganz anderen wirtschaftlichen und damit auch gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Vieles wird nicht mehr "von Menschen gemacht" sein – gleichwohl, das ist extrem wichtig, "stets für die Menschen, das Individuum gemacht".  In diesem Urteil, dass digitale Algorhythmen – also Roboterisierung, Maschinen-Autonomie und Künstlicher Intelligenz – von großem Nutzen für die Menschen sein können, sind sich weltweit schon immer Experten einig. The Digital Shift, die Verlagerung auf digitale Prozesse, kostet Arbeitsplätze, ja. Aber schafft auch ganz andere Möglichkeiten, andere Jobs zu schaffen und vor allem, bestehende Probleme zu lösen. Diese gewaltigen Verschiebungen sind seit mehr als 150 Jahren in Deutschland an der Tagesordnung und wurden bislang alle bewältigt. Warum die jetzige nicht? Es gibt dafür keinen Grund.


(Die Stadt) Solingen will den Breitbandausbau. Der OB nennt Zahlen, die man als ambitioniert werten kann – die aber andererseits auch "verdammte Pflicht und Schuldigkeit" sind, will man (noch nicht) von der Entwicklung abgehangen werden. Zug um Zug sollen erst einmal alle Gewerbegebiete oder größere Firmen, die es wollen bzw. brauchen, an wirklich schnelle Netzinfrastruktur angeschlossen werden (Glasfaser, sog. Gigabit-Transferraten). Und bis 2025 auch der Großteil der Solinger Haushalte – so dass wie einst in Solingen wieder Arbeit und Leben physisch und städtebaulich miteinander verschmolzen werden oder bleiben kann. 

Jedoch, "Glasfaser im Keller" alleine nutze nichts, so Kurzbach, man müsse bereit sein, das zu nutzen – eine "Management-Aufgabe", wie er formulierte. Doch auch er wird nachdenklich, wenn man die sozusagen neue Freiheit mit tradierten Werten vergleicht. "Wird da vielleicht das Individuum zum bloßen Datensatz?" fragte er sinnierend. Und stellt fest, "für viele Digitalunternehmen ist der Staat, sind staatliche Regularien ein Hindernis. Als Regulator ist denen der Staat überflüssig." – Verträgt sich das mit der Idee des Sozialstaates? 

 

Sicherlich notwendige Gedanken gerade am Vorabend des Tages der Arbeit. Die Antworten werden nicht leicht fallen. Tim Kurzbach: "Die Komplexität der Entwicklung kann nicht reduziert werden." Mit anderen Worten, simple Antworten kann es nicht geben. 


Der Solinger DGB verliert den Anschluss an die Realität

Was Solingens DGB-Vorsitzender Peter Horn den Teilnehmern verbal präsentierte, habe ich persönlich als Horror empfunden. Sachlich gesehen: Er reklamiert, so revolutionär sei das Digitale gar nicht, da ja noch Papier bedruckt und versendet würde. Weiß er nicht, weiß er wirklich nicht, dass vor, während und nach dem Druck extrem komplexe digitale Prozesse erst das Drucken und dann das Papierverteilen ermöglichen? Druck ohne Digitaltechnik – das geht heute nur noch im Museum, nicht mehr im realen Leben.

 

Und er sagt “Wir [Arbeitnehmer] wollen mitgestalten!”. Ja, weiß er wirklich nicht, dass es Millionen, Millionen! von Arbeitnehmern, “normalen Arbeitern” sind, die die Hard- und Software erfinden, die die Prozesse optimieren, die das neue Zeitalter der digital-netzbasierten Möglichkeiten buchstäblich mit ihren eigenen Gehirnen erfunden und eigenen Händen aufgebaut haben?! – Sollte sich dahinter immer noch das unglaublich naive Weltbild verbergen, im Hinterzimmer säßen teuflisch grinsende, geldfressende Kapitalisten, die sich Sauereien ausdenken, damit die Arbeiterklasse Not leidet und jetzt mit der Digitalisierung höllisch gefoltert wird? 

 

Ich persönlich war über Jahrzehnte auf zig Hunderten Kongressen, haben mehrere Hundert Vorträge auf internationaler Ebene vor ganz normalen “Arbeitern” (auch wenn es formal gesehen Angestellte oder Freiberufler waren) gehalten. Es waren keine Monster,  die sich Digitales ausgedacht,  gewollt, ersehnt, erfunden haben. Was heute digitalbasierter netzgestützter Kommunikations- und Arbeits-Lebens-Alltag ist, wurde vor allem von Arbeitern geschaffen, für die Peter Horn plötzlich Fürsprecher und Erlöser ihrer tarifvertraglichen Leiden sein will. Da schwingt sich einer bar jeder Legitimation auf, die Leistungen einer ganzen Generation anzuzweifeln. Und man möge doch bitte erst die Grufties fragen, ob es denen auch genehm wäre ... hallooooooo????

 

Außerdem: Es sind auch eben diese Arbeiter, Mitglieder der im DGB zusammengeschlossenen Gewerkschaften, die auf Facebook posten, ohne Google nicht mehr leben möchten, die unentwegt Smartphones nutzen. Es sind DGB-Mitglieder, die in unzähligen Firmen deshalb Arbeit haben, gut verdienen, weil diese Firmen digital gut aufgestellt sind oder für die und mit der Industrie 4.0/5.0 arbeiten. Das Hochlohnland Deutschland ohne stattgefundene Digitale Wende wäre längst international chancenlos!

Und dann sagt Peter Horn auch noch, ganz im Stil der früheren Arbeiterkampf-Parolen “Wenn unser starker Arm es will, stehen alle Räder still” diesen Satz ungeheurer Ahnungslosigkeit: “Wenn wir [gemeint sind die im DGB vertretenen Arbeitnehmer] nicht mitziehen, ist die digitale Revolution gestorben, bevor sie begonnen hat.”

Ich persönlich bin überzeugter Gewerkschafter, lebenslang. Allerdings ist mein Ideal eine Gewerkschaft, die offensichtlich nicht mehr existiert; nämlich eine, die sich auf die Realität einlässt und nicht um ihrer selbst willen Phrasen drischt. Peter Horn hat deutlich gemacht, mit diesem Politstil hat das, was für uns mehrheitlich bislang Gewerkschaft bedeutet hat, ein Ende gefunden. Weil diese Argumentation des Solinger DGB-Vorsitzenden sich ganz analog und real von der globalen Entwicklung abkoppelt. 

Schade. Ich persönlich hoffe, der DGB hat bald Neuwahlen. 

persönliches statement:

Die Veränderungen sind nicht IRGENDWANN + IRGENDWO. Sie sind jetzt, 2018 und folgend, im Bergischen Land real (wie auch sonst auf der ganzen Welt). Längst sind Länder, die wir vor 50 Jahren noch aus deutscher Sicht als „Entwicklungsländer“ bezeichnet haben, reicher oder ähnlich reich und vielfältig wie Deutschland. Wir haben also gute Chancen, auf Augenhöhe mitzuhalten, auch und vor allem auf der Basis unserer eigenen Industriekultur. Doch eins ist klar, es gilt nicht, dieses Bisherige zu ERHALTEN, sondern es ist zwingend notwendig, es GEZIELT UND RASCH zu verändern. Sonst könnte es sein, dass in weiteren 50 Jahren Deutschland Unterstützung zum Überleben aus den Ländern erhält, die nicht an der Schwerfälligkeit ihrer eigenen Traditionen verendet sind.

Download
WENKE zu Industrie 5.0 und die mentale Stimmungslage im Bergischen
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Prof. Dr. Klemens Skibicki (PROFSKI.COM, Professor für Economics, Marketing und Marktforschung an der Cologne Business School in Köln) ist glasklarer Logiker und vermag, Wesentliches von Verwirrendem zu unterscheiden. Seine Fakten untermauert er mit stimmigen, unwiderlegbaren Argumenten, so dass sie der Objektivität nahekommen. In diesem Sinne erlebte der Arbeitnehmerempfang 2018 eine Sternstunde, die sich von manchen Sozialkampfplänkeleien früherer Jahre deutlich und wohltuend unterschied. Es soll nicht verschwiegen werden, dass nach späterer Reaktion und Gesprächen festgestellt werden muss, etliche Teilnehmer waren von der Informationsdichte und Themenkomplexität leicht überfordert, um es freundlich auszudrücken. 

“Facebook ist die Fortentwicklung der Dampfmaschine”.

Etliche in mannigfachen Variationen repetierte Kernbotschaften durchzogen den energiegeladenen Vortrag des Dozenten. Ein wesentlicher davon: "Hätten frühere Generationen schon Internet gehabt, sie hätten es benutzt und die Kritik an diesem Neuen und der Verweis auf die Gutenberg-Ära fände erst gar nicht statt."

Das hat er klug gesagt, alleine, es haben vor ihm auch schon zig Analysten so gesehen – was aber kein Manko ist. Im Gegenteil. Es kann gar nicht oft genug gesagt werden. Technik-Entwicklung ist immer eine Entwicklung hin zu "höher-schneller-weiter" (olympisches Motto), gepaart mit "billiger-einfacher-persönlicher". 

 

Die Ochsenpflug war mehr Effizienz (weil u. a. weniger Energieaufwand und gleichzeitig mehr Ertrag) als Früchte sammeln gehen. Die Gewehrkugel Pfeil und Bogen überlegen. Die Gutenbergsche bewegliche Letter wirkungsvoller als Handschrift und Holzschnitt. Die Dampfmaschine ist der Muskelkraft voraus, Autos sind kräftiger als Pferde. Und eine digitale Kommunikation, eine vernetzte Produktion, globale Prozessverknüpfungen sind eben monetär und zeit-wirkungsvoller als bisherige analoge Medien und physische Transportwege. Die Immaterialisierung bringt – da wo sie möglich ist – neue Möglichkeiten, die wir mögen.

 

Es waren der Beispiele viele, die Prof. Skibicki dafür anführte. Sie dürften etlichen Teilnehmern die Augen geöffnet, für Aha-Effekte gesorgt haben – bleibt jedenfalls zu hoffen. 

 

Die Konsequenzen und Entwicklungen, die er präsentierte, waren stets "der Nagel auf dem Kopf getroffen". Die digitale Netzwerkkommunikation führt nicht zur Vereinsamung und Entfremdung, ganz im Gegenteil, sie ermöglicht, mit Individuuen, die man sich selbst aussucht, in ständigem als angenehm empfundenen Kontakt zu sein. Oder eben abzuschalten, wenn einem danach ist. FaceBook oder WhatsApp als Dauerparty – klingt vielleicht zunächst komisch, ist aber so.

 

Extrem wichtig war der Hinweis von Skibicki, der wie eine liebgemeinte Entschuldigung klang für alle, die die Substanz seines Vortrages nicht optimistisch stimmte. "Ungefähr bis zum 35 Lebensjahr lernt man gerne neues, danach werden Veränderungen eher als Bedrohung des Eingeübten und Gewohnten empfunden", was eben zur Ablehnung oder zumindest Skepsis führt. Angesichts des Durchschnittsalters der Besucher war es wie die gütige Stimme des Altenpflegers im Seniorenheim, Inkontinenz sei gar nicht so schlimm und man könne offen drüber reden. Denn wer vermochte wohl die Phantasie aufzubringen, welche ungeheure gesellschaftlich und arbeitsmarktpolitische Sprengkraft hinter Skibickis Statement liegt "Aus Big Data wird Smart Data". Wow. Nichts weniger als "Die Geschäfte der Zukunft basieren nicht auf Angebot und Nachfrage, sondern auf den Lebens-, Entscheidungs- und Handlungsgewohnheiten eines jeden einzelnen potentiellen Kunden". Und zwar an seine Sprung- und Wechselhaftigkeit angepasst. Der Computer als Menschenversteher? Für Online logo, für Nonliner purer Nonsens. Die Welt ist eben geteilt in diesen Ansichten, so emotionalisiert, wie es früher und heute noch Religionen vermochten und vermögen.

 

 

"Transaktionen in Echtzeit in allen Richtungen" hießt es an einer Stelle. Man hätte auch sagen können, so, wie die Arbeitswelt bisher organisiert war und ist, wird sie nie wieder sein. Hat er auch sogar wörtlich gesagt. Weshalb eigentlich alle Gewerkschafter hätten laut wehklagen müssen: Denn wenn ein Betrieb keine feste Einheit mehr ist, kann es auch keine feste Institution wie den Betriebsrat mehr geben. Aber es blieb still im Saal. Ein Menetekel wie der Hauch des Todes im schwächer werdenden Kampf der Arbeiterklasse ...

 

Da klingt es wie Ironie, und zwar eine, die ganz ohne Spott auskommt, wenn Prof. Skibicki mit einem Lächeln ausführt: "Kein anderer als Marx hat gesagt, man müsse die Produktionsmittel in die Hände der Massen geben. Das ist jetzt erreicht: Jeder hat ein Smartphone". Schade, wieder blieb es still, wahrscheinlich, weil die meisten gewerkschaftlichen und Arbeitnehmer-Solinger immer noch das Handy nur zum Telefonieren oder für gelegentliches Messages verwenden. Und nicht als Prozesssteuerungs-Tool, was es längst ist. Dank Apps. Apps, die die Welt der privaten Lebensführung wie auch des Handels und Bedeutung oder Handlungsprinzipien vieler Branchen radikal neu strukturiert haben. Auch dazu brachte der Referent Beispiele, deren Intensität für Aufmerksamkeit sorgten. 

 

Und er schloss mit einem verbalen Paukenschlag: "Digitale Medien und ihre Möglichkeiten sind eine Kulturtechnik" – unsere gesamte Kultur und damit Wertewelt ist anders, als die älteren sie aus ihren jüngeren Jahren kennen. 

 

Zur gesellschaftspolitischen Kultur der heutigen Bundesrepublik Deutschland gehören die tradierten Gewerkschaften. Ob dies in der längst existenten Digitalen Welt auch so sein wird, bleibt fraglich. Wahrscheinlich waren auf die Botschaften der Veranstaltung nicht viele Teilnehmer mental vorbereitet. Viele mögen gedacht haben, der Referent spräche über die Zukunft. Nein, er legte nur dar, was längst hinter uns liegt. Und in Solingen oft genug unbemerkt blieb.

"Betriebe, unternehmen"

Die gesetzlichen Grundlagen für die Gewerkschaften sind an die ehemalige Realität gekoppelt, dass es in sich organisierte (engl.: Incorporated oder Entity) Unternehmen gibt,  im Einzelbesitz oder als "juristische Personen"; im Verbund auch als ein Konzern. 

Was aber, wenn die Betriebe nicht mehr als Betriebsstätten und Eigentümer-Einheit, nicht mehr als physisch-reale Gebäude, sondern aus weltweit vernetzten, irgendwo daten-zwischengelagerten Prozessen mit zig bis unüberschaubar vielen Eignern und Mitwirkenden bestehen? Wie organisiert man dann Gewerkschaft? Auf diese Frage, die nicht theoretisch und fiktiv, sondern aktuell und akut ist, sind die Gewerkschaften wie die Politik nicht vorbereitet. Auf die Internationalität, die damit verbunden ist, erst recht nicht. ENDE GELÄNDE ... Aus für die Gewerkschaften?



Die Veranstaltung fand übrigens exakt am 25. Jahrestag der Allgemeinnutzung des Internet-Teilbereiches www (world wide web, "weltweites Netz") für die Allgemeinheit statt. Damals, am letzten Apriltag 1993, wurde es vom CERN aus freigegeben und technisch für Jedermann geöffnet. 

Es sollte für alle, die noch mindestens 25 Jahre arbeiten müssen oder wollen, Anlass genug sein, darüber nachzudenken, wie die Digitale Revolution genannten Entwicklungen die Welt und damit auch unser Leben, Arbeiten, Wirtschaften, unser Sozialgefüge im nächsten Vierteljahrhundert verändern werden. 

Wenn das kein Grund ist, schleunigst das Thema weiterzudiskutieren und zur gesellschaftspolitischen Aufgabe zu machen, ja, dann weiß ich es auch nicht mehr. 


Die wesentliche Substanz der digitalen & globalen (Produktions- und Handels-) Revolution – vor allem auch auf der Basis von Medien, Marketing und Kommunikation:

(nach Wenke:)
– Die Überwindung von Zeit und Raum hin zur globalen Echtzeig und zum Paradigma "Ich-jetzt-hier-alles-sofort";
– "Wer heute das tut, was er gestern getan hat, wird morgen nichts mehr zu tun haben" (gemäß dem Internetgründerzeit-Slogan "Re-invent Your Business on the Web");
– "Think global, act local" ist 'wahrer denn je';
– Es wird keine Broadway-Kommunikation (Massenkommunikation) mehr geben, sondern nur noch massenhafte Individual-Kommunikation, 1:1, face-to-face, peer-to-peer (verschiedene Ausdrücke fürs gleiche);
–Die Folge, staats-, kultur-, gesellschafts-verändernd: Es gibt keine sozio-demografisch oder kulturell-sprachliche "Völker" mehr, sondern nur noch "Emotional Cluster" = Menschen mit situativ-aktuell-dynamisch-wechselnden ähnlichen/gleichen Interessen, Ansprüchen, Bedürfnissen, Verhalten;

– "Künstliche Intelligenz" (smarte Algorhythmen) werden reale Arbeitswelt-Wirklichkeit = "Industrie 5.0";
– THE GLOBAL VILLAGE ist der Nacholger der Hofschaften, Weiler, Städte  in aller Welt; inkl. Dorfbrunnen oder -kneipe, die jetzt Soziale Medien heißen

Ich glaube, in einem irrte der Referent; nämlich als er sagte, die erfolgreichen digitalen Unternehmen wurden alle von jungen Menschen gegründet. Neee, aus eigenem Miterleben: Ganz so war das nicht. Ja, es waren die wilden jungen Tüftlertypen, die die verwegenen Ideen hatten. Aber es waren die greisen Reichen, die das Geld gaben, damit aus den Ideen Einnahmequellen wurden. Vieles in der Computertechnologie wurde extrem massiv vom Militär unterstützt und gefördert, nicht nur in den USA. Man täusche sich nicht: Das Silicon Valley ist nicht nur eine Ideenschmiede, es war und ist vor allem die gigantischste Investition ever – wenn man alles, was aus den Ursprüngen entstand, zusammenrechnet. 

Und bescheiden waren Amerikaner noch nie. John Warnock, Mitgründer von Adobe, sagte mir einmal in Pioniertagen in einem persönlichen Interview, sein Ziel wäre, dass bald schon jedes Dokument der Welt von einem Adobe-Programm kreiert bzw. bearbeitet würde. Mehr kann man nicht erreichen. Weniger wollte er nicht. Und siehe da: Adobe hat's geschafft. Ob das nun jeder Erdenbürger weiß oder nicht. Und ob es den Gewerkschaften in Deutschland passt oder nicht, interessiert auf der Welt ohnehin niemanden. Wirklich niemand. Selbst die EU in Gänze ist für globale Digitalkonzerne nur wie eine lästige Schmeißfliege beim Sonnenbaden.


Und zum Schluss verlor ich alle Hoffnung ...

Genug schon, dass kurz vor der Veranstaltung ein leibhaftiger Linker zeitschriftstarke Hefte verteilte, die zu lesen weder Zeit noch Muße war und die mitzuschleppen keiner Lust hatte. Als dann die Veranstaltung vorbei und der nachfolgend Erwähnte reichlich dem kostenfreien Buffet zugesprochen hatte, verteilte ein leibhaftiger, stadtbekannter Grüner am Ausgang optisch billig daherkommende Flugblättchen. Nein, sagte ich, bitte nicht auf Papier, ich hätte es gerne digital – dem Arbeitnehmerempfangs-Thema folgend. Im Solinger Sprachgebrauch nennt man es unverblümt "dummes Gesicht", was ich daraufhin zu sehen bekam und vernahm ein stotterndes "Nein, haben wir nicht ..." – Ach ja, die Linken und die Grünen, einst als selbsternannte Revolutionäre für eine bessere Zeit und Zukunft angetreten. Und jetzt dümpeln sie im Dumpfen ihrer eigenen Erneuerungsunfähigkeit. Ich verspürte, ehrlich gesagt, für eine Sekunde Mitleid. Und dann die Gewissheit: Nein, es muss auch ohne sie gehen. Wir haben Neuzeit. Und keinen Nostalgie-Altennachmittag. Das Thema, das der OB gewählt hatte, scheint dieser meiner Einstellung recht zu geben. Lass uns die Sozialromantiker vergessen, bewältigen wir lieber die Realität.

Denn indem wir es tun, haben wir die (einzige) Chance, unser Werte und Visionen einer gerechten Gesellschaft in die Zukunft zu überführen. Und damit das zu bleiben, was ich und hoffentlich viele andere unter Gewerkschaft verstehen: Die Wahrung der persönlichen Chancen auf ein Leben, das einem materiell wie auch ideell Sinnhaftigkeit ermöglicht.

Nachtrag noch, warum ich mir auch harte Urteile erlaube. Ich war 40 Jahre Fach- und Chefredakteur in der Medien- und Kommunikationsbranche, habe das Silicon Valley und Apple und Adobe und Xeorx und und und und und und miterlebt, als sie noch klein und für die (deutsche) heavy-metal-Industrie und Denkwelt nur eine Randerscheinung waren. Ich kenne die Laborentwicklungen der frühen Computer-, IT-, Digital-Jahre, habe 30 Jahre lang Hunderte Vorträge über das Thema und wahrlich Tausende Artikel darüber geschrieben.  Habe Seminare geleitet, Foren gegründet, Anwender beraten, die Hersteller und Firmen sowieso. Und zwar auf nationaler wie auch internationaler Ebene. Immer in Solingen wohnend. Von hier aus, von der Klingenstadt aus, wurde recht intensiv und nachweisbar einflussreich die Fach-Welt informiert, provoziert, neu strukturiert. Erst Frust, dann Amusement war, dass es in meiner Heimatstadt niemand zur Kenntnis nahm – weil vom Metier keiner etwas kannte. Es war und ist, als ob man als sich als Unsichtbarer unters (Solinger) Volk mischen kann – was zu höchst aufschlussreichen Erkenntnissen führt, wenn man sich dann – mal sich vor Pein krümmend, mal vor Lachen leidend – deren Kalleröten und naseweisen Vorurteile anhört. Um so erfreulicher ist es, auf Ausnahmen zu treffen. Dieser Event war so einer.